Der Rumpfrotationswinkel – international kurz ATR – ist die zentrale Messgröße der Skoliose-Früherkennung. Er beschreibt, wie stark sich der Rumpf zu einer Seite verdreht, gemessen mit einem Skoliometer, während sich die Person nach vorne beugt. In Deutschland begegnet Ihnen diese Messung meist unter anderen Worten: Die ärztliche Leitlinie spricht davon, dass Rippenbuckel und Lendenwulst beim Vorbeugetest mit einem Skoliometer in Grad vermessen werden. Gemeint ist genau die Größe, die die App als ATR anzeigt. Dieser Ratgeber erklärt, was der ATR ist, wie er gemessen wird, was die Werte bedeuten, worin er sich vom Cobb-Winkel unterscheidet und wo Sie zu jedem Schritt weiterlesen können.

Wenn sich die Wirbelsäule seitlich krümmt, dreht sie sich zugleich um ihre Längsachse. Brustkorb und Muskulatur beiderseits der Wirbelsäule stehen dann nicht mehr symmetrisch. Das Vorbeugen verstärkt genau das: Auf der einen Seite hebt sich der Rücken zu einer flachen Wölbung, auf der anderen senkt er sich ab. Im Bereich der Brustwirbelsäule heißt diese Wölbung Rippenbuckel, im Bereich der Lendenwirbelsäule Lendenwulst. Der ATR ist der Winkel dieser Neigung von links nach rechts, in Grad gemessen an der Stelle der stärksten Asymmetrie. Ein völlig ebener Rücken ergibt einen Wert nahe 0°; je stärker der Rumpf verdreht ist, desto höher der ATR.
Weil der ATR an der Oberfläche des Körpers abgenommen wird, bildet er die Drehung des Rumpfes ab und nicht die genaue Form der darunterliegenden Wirbelsäule. Genau deshalb ist er eine Größe der Früherkennung: ein schnelles, schmerzfreies Signal ohne Strahlenbelastung, das sagt „das sollte sich jemand genauer ansehen“ – nicht mehr und nicht weniger.
Für deutsche Leserinnen und Leser lohnt an dieser Stelle eine Klarstellung, die anderswo selten nötig ist: Im deutschen medizinischen Sprachgebrauch hat diese Messgröße keinen eigenen, feststehenden Namen. Die S2k-Leitlinie „Adoleszente Idiopathische Skoliose“ (AWMF-Reg.-Nr. 151/002) beschreibt sie, ohne sie zu benennen: „Der Rippenbuckel und Lendenwulst werden mit Hilfe des Vorbeugetests (Adams-Test) mit einem Skoliometer vermessen.“ Wenn die App also einen ATR-Wert anzeigt, halten Sie genau das in der Hand, was die Leitlinie meint – Rippenbuckel beziehungsweise Lendenwulst in Grad. Praktisch folgt daraus zweierlei: Notieren Sie immer mit, wo Sie gemessen haben, und behandeln Sie den Brust- und den Lendenbereich als zwei getrennte Werte, nicht als eine einzige Zahl.
Der ATR wird während des Vorbeugetests (Adams-Test) abgenommen. Die Person beugt sich aus der Hüfte nach vorn, Knie gestreckt, Füße zusammen, Arme locker hängend, bis der Rücken etwa waagerecht steht. Ein Skoliometer – ein klassisches mechanisches Gerät oder ein Skoliometer auf dem Smartphone – wird quer zur Wirbelsäule locker auf den Rücken gelegt und langsam über den Brust- und den Lendenbereich geführt, bis die Stelle der größten Asymmetrie gefunden ist. Der höchste dort abgelesene Winkel ist der ATR.
Die Technik Schritt für Schritt steht in Skoliometer richtig anwenden, und die Fehler, die einen Messwert am häufigsten verfälschen, in Häufige Messfehler beim Skoliometer. Ob ein mechanisches Gerät oder das Smartphone die bessere Wahl ist, vergleicht Digitales oder klassisches Skoliometer.
Die Werte in der folgenden Tabelle sind die international gebräuchlichen Orientierungswerte der Früherkennung – dieselben, die auch die App zugrunde legt. Sie sind Entscheidungshilfen dafür, ob ein fachlicher Blick sinnvoll ist, und keine diagnostischen Grenzwerte.
Für Deutschland kommt eine zweite, ebenso wichtige Zahl hinzu, und sie liegt niedriger als die international oft zitierten 7°. Die AWMF-Leitlinie hält fest: „Ab einem Rippenbuckel oder Lendenwulst von 5° sollte zur Diagnosesicherung ein Röntgenbild erfolgen.“ Entscheidend ist, was diese 5° genau sind – nämlich der Punkt, ab dem zur Sicherung der Diagnose eine Röntgenaufnahme erwogen wird, und ausdrücklich kein Schwellenwert für eine Überweisung. Formuliert ist dieser Wert zudem als Rippenbuckel beziehungsweise Lendenwulst in Grad, nicht als „ATR-Wert“. Wenn eine orthopädische Praxis in Deutschland also bereits bei 5° tätig wird, während englischsprachige Quellen von 7° sprechen, ist das kein Widerspruch, sondern eine andere Frage: Die 7° beantworten, wann sich der Weg in die Praxis lohnt; die 5° beantworten, wann dort ein Bild zur Diagnosesicherung sinnvoll ist.
| ATR-Messwert | Allgemeine Einordnung |
|---|---|
| Unter 5° | Insgesamt niedrig; regelmäßiges Nachmessen genügt in der Regel, besonders während des Wachstums. |
| 5–6° | Verdient Aufmerksamkeit und engmaschigere Kontrolle; ein häufiger Anlass zur Vorstellung bei übergewichtigen Kindern, deren Rücken sich mit bloßem Auge schwerer beurteilen lässt. |
| 7° oder mehr | Ein weithin genutzter Orientierungswert, um eine fachliche Abklärung zu veranlassen. |
| Ein höherer Wert als zuletzt | Schließen Sie nichts aus einer einzelnen Sitzung: Messen Sie an einem anderen Tag nach, unter denselben Bedingungen und von derselben Person. Wiederholte Messungen desselben Rückens unterscheiden sich zwischen verschiedenen Untersuchern um mehrere Grad. Erst wenn sich der höhere Wert reproduzieren lässt, sprechen Sie ihn ärztlich an. |
Diese letzte Zeile hat mit den 5° der Leitlinie nichts zu tun: Dort geht es um einen einzelnen, absoluten Messwert, hier um eine Veränderung über die Zeit. Was ein konkreter Wert wie 5°, 7° oder 10° im Zusammenhang bedeutet, erklären Was ist ein normaler Skoliometer-Wert? und Skoliometer-Werte von 5, 7 und 10 Grad; wann ein Ergebnis ärztlich beurteilt werden sollte, steht in Wann zum Arzt bei Skoliose.
Das ist die wichtigste Unterscheidung überhaupt. Der ATR ist eine Oberflächenmessung der Rumpfdrehung, abgenommen mit einem Skoliometer. Der Cobb-Winkel wird ärztlich auf einer Röntgenaufnahme der Wirbelsäule bestimmt und beschreibt die seitliche Krümmung der Wirbelsäule selbst. Beide hängen zusammen – eine stärkere Krümmung geht meist mit mehr Rotation einher –, aber es sind nicht dieselben Zahlen, und die eine lässt sich nicht zuverlässig in die andere umrechnen. Ein Skoliometer kann niemals einen Cobb-Winkel angeben. Auch der Cobb-Winkel selbst ist übrigens keine absolut exakte Größe: Die Leitlinie beziffert seinen Messfehler mit 3°. Der vollständige Vergleich steht in Rippenbuckel und Cobb-Winkel, und warum sich beide Werte zeitweise unabhängig voneinander bewegen können, in ATR steigt, Cobb-Winkel bleibt gleich.
Skoliosen schreiten am schnellsten während des Wachstumsschubs voran, und beginnende Krümmungen sind leicht zu übersehen. Weil die ATR-Messung schnell und schmerzfrei ist und ohne Bildgebung auskommt, eignet sie sich gut für wiederholte Kontrollen zu Hause, in der Schule und in der Praxis – also dort, wo eine Veränderung über die Zeit am ehesten früh auffällt. Der Wert des ATR liegt weniger in einer einzelnen Messung als in einer gleichmäßig erhobenen Reihe. Wie oft und wann sich das Nachmessen besonders lohnt, steht in Kontrolle im Wachstumsschub.
In Deutschland kommt ein struktureller Grund hinzu, der vielen Eltern nicht bewusst ist. Gesetzlich vorgesehen sind nach § 26 SGB V die Untersuchungen U1 bis U9 sowie die J1 – mehr nicht. Die U9 findet mit etwa fünfeinhalb Jahren statt, die J1 erst mit 13 bis 14 Jahren. Dazwischen liegen rund sieben bis acht Jahre ganz ohne gesetzliche Untersuchung, und das ist genau das Fenster, in dem Krümmungen typischerweise entstehen und zu wachsen beginnen. U10, U11 und J2 schließen diese Lücke nicht verlässlich, denn sie sind keine gesetzlichen Leistungen; das Bundesgesundheitsministerium formuliert es so: „Deren Untersuchungsspektrum ist nicht durch den G-BA festgelegt. Die Kosten werden von einzelnen Krankenkassen als freiwillige Leistung übernommen.“ Ein Anruf bei der eigenen Krankenkasse klärt, was übernommen wird.
Dazu kommt, wonach überhaupt gesucht wird. In der Kinder-Richtlinie des G-BA, die die U1 bis U9 regelt, kommt das Wort Skoliose nicht vor; die Wirbelsäule ist dort nur mittelbar über den Bewegungsapparat und die Suche nach Asymmetrien und Schiefhaltung erfasst. Ausdrücklich genannt wird sie erst in der Richtlinie zur Jugendgesundheitsuntersuchung: „Im Zentrum der klinisch-körperlichen Untersuchungen stehen: … Auffälligkeiten des Skelettsystems (z. B. Skoliose).“ Das ist kein Versäumnis, sondern eine Frage der Altersgruppen – für Eltern aber ein Unterschied, der erklärt, warum eine eigene, ruhige Messung zu Hause zwischen den Terminen sinnvoll sein kann. Wie das praktisch abläuft, beschreibt Skoliose zu Hause selbst testen.
Wie häufig Skoliose in Deutschland ist, lässt sich seriös nicht beziffern: Eine eigene deutsche Erhebung dazu existiert nicht, und die Leitlinie nennt zwar eine Spanne von 0,47 bis 5,2 %, stützt sich dafür aber auf internationale Studien. Für den Alltag ändert das wenig. Fällt ein Wert auf, können gesetzlich Versicherte nach § 76 Abs. 1 SGB V frei unter den Vertragsärzten wählen und grundsätzlich auch ohne Überweisung direkt eine orthopädische Praxis aufsuchen; üblich – und von vielen Praxen gewünscht – bleibt der Weg über die Kinder- oder Hausarztpraxis. Bei privater Versicherung richtet es sich nach dem Vertrag.
Mit der Scoliometer App messen Sie den Rumpfrotationswinkel und führen einen Verlauf, den Sie über die Zeit vergleichen können.
Der ATR ist der Winkel der Neigung des Rumpfes von links nach rechts, in Grad gemessen mit einem Skoliometer an der Stelle der stärksten Asymmetrie, während sich die Person nach vorne beugt. Er bildet die Drehung des Rumpfes an der Körperoberfläche ab – in der deutschen Leitliniensprache also Rippenbuckel beziehungsweise Lendenwulst in Grad.
Nein. Der ATR ist eine Oberflächenmessung der Rumpfdrehung mit einem Skoliometer. Der Cobb-Winkel wird auf einer Röntgenaufnahme bestimmt und beschreibt die Krümmung der Wirbelsäule selbst. Beide hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar, und ein Skoliometer kann keinen Cobb-Winkel angeben.
Unter 5° gilt als niedrig, 5–6° verdient Aufmerksamkeit, und 7° oder mehr ist ein weithin genutzter Orientierungswert, um eine fachliche Abklärung zu veranlassen. Das sind international gebräuchliche Werte der Früherkennung, keine deutsche Vorgabe: Die deutsche Leitlinie sieht ab einem Rippenbuckel oder Lendenwulst von 5° ein Röntgenbild zur Diagnosesicherung vor. Ist ein Wert höher als zuletzt, messen Sie an einem anderen Tag unter denselben Bedingungen nach und sprechen Sie ihn ärztlich an, wenn sich der höhere Wert bestätigt. All das sind Orientierungswerte, keine Diagnose.
Nein. Der ATR ist eine Messung zur Früherkennung. Ein erhöhter Wert spricht dafür, dass eine fachliche Abklärung sinnvoll ist; die Diagnose stellt allein eine Ärztin oder ein Arzt, in der Regel unter Einbeziehung einer Bildgebung.
Während des Vorbeugetests (Adams-Test) wird ein Skoliometer – auch ein Skoliometer auf dem Smartphone – quer auf den Rücken gelegt und verschoben, bis der größte Winkel gefunden ist. Der höchste Wert ist der ATR. Der Verlauf ist aussagekräftiger, wenn immer dieselbe Person auf dieselbe Weise misst.
Medizinisch geprüft von Dr. Kevin Lau, D.C., M.H.N.
Doctor of Chiropractic und Gründer von ScolioLife, seit über 25 Jahren auf nicht-operative Skoliose-Früherkennung und -Betreuung spezialisiert und Entwickler der Scoliometer App. Master in ganzheitlicher Ernährung (USA).
Zuletzt aktualisiert: 7. August 2026.
Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und der Sensibilisierung für die Früherkennung. Er ist keine medizinische Beratung und diagnostiziert weder eine Skoliose noch eine andere Erkrankung der Wirbelsäule. Der Rumpfrotationswinkel kann auf eine mit einer Skoliose verbundene Asymmetrie des Rumpfes hinweisen, er ist aber nicht der Cobb-Winkel und ersetzt weder eine Röntgenaufnahme noch eine fachliche Beurteilung. Die Ergebnisse fallen von Person zu Person unterschiedlich aus, je nach Alter, Reife des Skeletts, Art der Krümmung und Art der Messung. Wenn Sie sich Sorgen machen, wenden Sie sich an eine qualifizierte medizinische Fachperson.